Die innere Haltung machts

Mein Mutter erzählte mir häufig, dass ich als Kleinkind schon genau wusste, was ich wollte, bzw. es mir sehr einfach fiel Entscheidungen zu treffen. Ich belehrte meine Eltern wohl, dass es doch ganz einfach wäre „es gibt nur links oder rechts, das ist doch nicht so schwierig.“ Ob das wirklich der Wortlaut war und ob ich das so perfekt ausgesprochen habe, weiß ich nicht mehr – bestimmt. 😊

Mit diesem Bewusstsein bin ich also groß geworden. Ich war mir sicher, ich weiß, was ich will, wohin ich will. Ich bin willensstark.

Rückblickend wusste ich gar nichts. Was es bedeutet, seine Wünsche zu äußern habe ich nur erahnt.

Ja, klar, ich wusste, ich will Abitur machen. Ich wusste, dass ich Handball spielen will, komme was wolle. Ich wusste, ich will in einer eigenen Wohnung wohnen. Und ich wusste, mit wem ich am Wochenende am liebsten feiern gehen wollte. Ich wusste, was ich essen will (wobei es sogar daran schon manchmal scheiterte und auch immer noch tut – das kennt ihr bestimmt: Essen für bis zu acht Personen kochen, das allen schmeckt – das ist eine Herausforderung.) und welche Kleidung ich tragen wollte.
Diese Wünsche eventuell gegenüber Dritten zu äußern oder gar durchzusetzen war da schon schwieriger. Diejenigen, die mich kennen wissen, dass ich meinem Sternzeichen Steinbock da schon Ehre mache und ich sicherlich nicht vor allem und jedem in die Knie gehe, aber ich ließ mich auch gerne überzeugen und war froh, wenn mir die Entscheidung abgenommen wurde.

Als ich dann ins Berufsleben startete stand ich schon häufiger vor der Herausforderung Menschen zu führen und damit Wünsche, Ziele und Maßnahmen zu äußern. Deutlich. Auch, wenn es unangenehm war. Ich besuchte zum Thema Führen sogar ein mehrwöchiges Seminar. Das war genial (das meine ich ernst, es war für mich eine so tolle Erfahrung von der ich heute – nach 5 Jahren – immer noch etwas habe), ich habe so viele Methoden gelernt, ich kann jetzt Menschen führen. Dachte ich. Ich merkte dann aber doch immer wieder, das ich scheiterte, die Menschen taten nicht immer das, was ich mir vorgestellt habe. Dabei hatte ich doch klar formuliert, was das Ziel ist und was wir dafür tun müssen.

Erkannt habe ich meine Fehler erst, als Emil größer wurde. Kinder sind nämlich die besten Coaches, wenn es um Führung geht. Jedes „vielleicht, eigentlich, wollen, würde, hätte, sollte“ wird gnadenlos ausgenutzt und gegen mich verwendet. Das machen meine Kinder nicht böswillig oder weil sie mich verletzen wollen. Sie verstehen es einfach nicht. Ein „eigentlich“ entkräftet alles vorher Gesagte.

Also fing ich an, meine Wünsche anders zu formulieren „Ich will jetzt nicht mehr schaukeln. Ich muss etwas trinken, wir machen eine Pause. Ich muss auf Toilette. Ich will schlafen (ok, das funktioniert irgendwie immer noch nicht.)“ Alles das sind nach unserem sprachlichen Verständnis ziemlich unhöflich formulierte Sätze, dennoch sind es diese Formulierungen, die einen Unterschied machen.  „Eigentlich will ich nicht, dass du jetzt noch einen Keks isst.“ heißt für Emil „hier, nimm noch acht Kekse und lass sie dir schmecken.“ Damit muss ich dann leben, ich habe es nicht deutlich ausgesprochen.

Trotzdem merke ich, dass allein die Formulierung nicht immer ausschlaggebend ist.
Es ist meine innere Haltung. Bin ich wirklich von meiner Äußerung überzeugt? Oder glaube ich vielleicht selbst gar nicht daran? Bin ich vielleicht sogar zu faul, die Aussage durchzusetzen? Sobald in mir Zweifel aufkommen, kann ich mir meine Worte sparen. Mein Kind spürt das. Er erkennt, dass ich es nicht wirklich ernst meine. Und hier geht es nicht um irgendwelche Drohungen oder Verbote, sondern um meine persönlichen Wünsche, um mein ganz persönliches Befinden, um meine Grenzen. Ich will nun mal nicht angespuckt werden oder dass mir ins Ohr geschrien wird. Ich will auf Toilette gehen können und auch in Ruhe essen zu können ohne ständig aufstehen zu müssen, ist mir ein Bedürfnis. Jetzt könnte man meinen, dass das doch klar ist und man diese Wünsche doch wunderbar äußern kann, sodass sie jeder versteht. Ja, mag sein. Ich muss aber auch mit der Konsequenz leben, wenn ich den Wunsch äußere, dass ich am Tisch sitzen bleiben will zum Essen ohne noch Salz holen zu müssen, kann es sein, dass Emil weint. Entweder gebe ich dem Weinen dann nach und stehe auf oder erkläre ihm die Situation und biete ihm an, doch selber aufzustehen, um sich Salz zu holen. Das gelingt mir nur, wenn meine innere Einstellung dazu stimmt. Es ist dann auch für Emil kein Problem. Ich habe nämlich festgestellt, dass er nur weint, wenn er spürt, dass er eine Chance hat nicht selber aufstehen zu müssen.

Und diese Erkenntnis hilft mir in allen Bereichen meines Lebens. Ja, das bedeutet für mich jeden Tag aufs Neue Selbstreflexion zu üben und meine innere Haltung zu prüfen. Es gibt Tage da gelingt mir das sehr gut und an anderen Tagen wiederum überhaupt nicht. Das ist das Gute, ich habe jeden Tag die Chance es wieder ein Stückchen besser zu machen.

Kinder sind einfach genial.

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