Wer wohnt denn hier?

Seit zwei Jahren wohnen wir nun in unserem Haus. Nach nur einem halben Jahr haben wir unser damaliges Arbeitszimmer mit einem Schrank, einem Tisch und einem Bett ausgestattet, um es zum AuPair Zimmer zu machen. Ich habe euch ja bereits erzählt, warum wir Gastfamilie geworden sind. Ich will euch aber auch ein bisschen daran teilhaben lassen, wie es ist Gastfamilie zu sein.

Wir haben also das Zimmer umgebaut, damit uns erstes AuPair Mädchen dort einziehen kann. Noch völlig unwissend und naiv „das wird schon klappen“ haben wir also Anfang April Ashma vom Bahnhof abgeholt. Ich war sehr nervös. Ich hatte keine Ahnung, was auf uns zukommt, wer da ab sofort bei uns wohnt. Die paar Telefonate im Vorfeld geben einem kaum die Chance sich wirklich gut kennen zu lernen. Auch Ashma war sichtlich nervös, als sie bei uns ins Auto stieg und mit uns in die Pampa fuhr. Wie mutig sie war. Mit gerade mal 19 Jahren ist sie von zu Hause weggefahren, um in einem völlig fremden und anders gearteten Land mit völlig fremden Menschen zu leben. Uns ausgeliefert. Meinen allergrößten Respekt (klar wurde mir das erst nach ein paar Monaten).

Es war abends als sie bei uns ankam.
Und dann traf das erste Mal Nepal auf deutsches vegetarisch/veganes Essen und ich erkannte, dass das wohl doch nicht alles so einfach wird. Nach ein paar Tagen dachte ich mir, dass dieses eh schon sehr dünne Mädchen in den nächsten Tagen wohl verhungern würde, denn außer Bananen aß sie nichts. Wahrscheinlich ist das der eigentliche Grund, warum sie das Kochen sehr schnell in die Hand genommen hat und uns mit ihren nepalesischen Köstlichkeiten verwöhnt hat. Ich war nicht unglücklich drüber, da ich, hochschwanger wie ich war, in unserer unsäglich geplanten Küche kaum noch an den Herd gekommen bin. Asiatisches Essen mag sowieso gerne.

Die ersten Tage liefen sehr holprig. Ashma verschwand immer schnell in ihrem Zimmer komplett abgedunkelten Zimmer (das habe ich ehrlich gesagt bis heute nicht verstanden, die Rollos waren immer unten. Immer.) und wir bekamen sie nur noch zu Gesicht, wenn wir sie riefen oder zum Arbeiten einteilten. Sie verstand sich als Dienerin in unserem Haus und uns gefiel das gar nicht. Nicht so Emil, der genoss es, dass endlich jemand seinen Prinzenstatus anerkannte und ihm alles reichte, was er gerade benötigte. Nur wie es ihr erklären? Wir lagen morgens in unserem Bett und wollten nicht nach unten. Nicht in unser eigenes Haus. Denn da war jemand, der anders roch, anders lief, andere Geräusche machte. Emil zwang uns gewissermaßen zur Kontaktaufnahme, er stolzierte nämlich regelmäßig bei Ashma ins Zimmer, um mit ihr zu spielen. An sich perfekt. Die beiden mochten sich. Nur die Erwachsenen mussten noch aufeinander zugehen. Wir fühlten uns nur leider zunehmend unwohl.
Es ist schon komisch, an welchen seltsamen Gewohnheiten man festhält. Auf einmal ist eine nur halb aufgerissene Tüte ein großes Drama. Der Müll, der in der falschen Tonne liegt ein Grund für einen Wutanfall. Vielleicht waren es die Schwangerschaftshormone. Ich glaube aber eher, dass es mein Unwille war, sich einem anderen Menschen zu öffnen.
Sobald ich meine Einstellung dazu änderte (und das kam eigentlich erst als Benjamin geboren war und ich wieder einigermaßen klar denken konnte), fiel es mir auch leichter, mit diesen Abweichungen zu unseren Gewohnheiten klar zu kommen.

Trotzdem waren einige Fragen einfach wichtig.
Wie konnte ich ihr erklären, dass es uns wichtig ist wenig Plastikmüll zu produzieren? Wie erkläre ich jemandem, der total glücklich ist, endlich Shampoo der Marke Dove zu benutzen, dass es bei uns maximal RINGANA Produkte (Warum genau diese Produkte lest ihr im hinterlegten Link) gibt, weil die eben so schön natürlich sind? Und durfte ich das überhaupt? Konnte ich bestimmen, welche Pflegeprodukte sie verwendet? Und vor allem, wie erklärt man einem Menschen, der aus einem Land kommt, in dem der Müll eben dort abgeladen wird, wo man gerade steht, dass bei uns der Müll getrennt wird? Wie konnte ich ihr verständlich machen, dass wir eben das Licht ausschalten, wenn wir einen Raum vor allem aber das Haus verlassen? Wie konnte Sie verstehen, dass sie bei uns Teil der Familie ist und keine Hausangestellt, die täglich zum Dienst antreten soll? Wie konnte sie verstehen, warum wir kein Fleisch essen, wo sie doch aus einem Teil Nepals kommt, in dem eben dieses gegessen wird? Und am wichtigsten: wie konnte sie verstehen, dass bei uns 13.00 Uhr auch 13.00 Uhr ist, nicht 13.10 oder 20 oder gar 40? Sie hat sicher häufig innerlich mit den Augen gerollt und sich über uns gewundert und vor allem den ein oder anderen Bus verpasst. (Am Ende ihrer AuPair Zeit hat sie uns gestanden, dass sie das mit den Uhrzeiten immer noch nicht verstanden hat und sie überhaupt nicht nachvollziehen kann, was wir Deutschen eigentlich damit haben.)
Da mein Nepali sich auf „Namsté“ beschränkt, ihr Deutsch anfangs auch sehr rudimentär war und das indian englisch mit dem german english nur wenig kompatibel war, haben wir regelmäßig einen Übersetzungsdienst im Internet zur Hilfe genommen, um ihr unsere Wünsche zu erklären.

Das hat geklappt.

Wir haben uns eingegroovt. Es hat lange gedauert. Emil hat Ashma schon längst als seine beste Spielpartnerin akzeptiert und auch Benjamin ließ sich gerne von ihr Spazieren fahren, bis wir es endlich geschafft haben mit unserer eigenen Entscheidung, ein AuPair aufzunehmen, klar zu kommen. Eigentlich verrückt.
Dieses Projekt AuPair bedeutet, sehr viel von sich preis zu geben, sich auf einen fremden Menschen einzulassen – jeden Tag aufs Neue – und vor allem Verantwortung und Führung zu übernehmen. Klar war mir das erst hinterher.

Wir haben viel gelernt von unserem ersten AuPair. Wir durften Einblicke gewinnen, in eine uns so fremde Welt, eine bunte Welt, ein Welt voller Götter, Liebe, Familie, Gewürzen, scharfen und gutem Essen, in eine deutlich langsamere und genügsamere Welt. Ich habe aber vor allem auch wieder ein Stück weit Erfahrung gesammelt im Führen von Menschen.

Ich bin dankbar für diese Chance und freue mich riesig drauf hoffentlich bald Thuy aus Vietnam kennem zu lernen. AuPair 3.0

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2 Kommentare zu „Wer wohnt denn hier?

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